METIS

3. Bericht in der Connection

Spiegelbilder Gottes auf der Suche nach Liebe und Anerkennung

Die Grenzen dessen, wer wir sind, existieren nur in unserem Denken. In Wirklichkeit sind wir alles — alles, was wir wahrnehmen und alles, was uns begegnet. Wie wir das erkennen können, zeigt uns der »The Work« Trainer Moritz Boerner anhand unseres Bedürfnisses nach Anerkennung und Liebe.

Es gab eine Zeit, da war alles, was existierte, eins — unteilbare, paradiesische Glückseligkeit, Einheit, ein Meer von Liebe, und das war das göttliche All-Bewusstsein. Aber irgendwie war dieser Zustand einseitig, so ohne Veränderungen, so vollkommen — dieses glückselige Ganze war irgendwie langweilig. Und so kam das Ganze — Gott — auf die Idee, zu seiner Unterhaltung ein Spiegelbild seiner selbst zu erschaffen, dessen Teile nicht a priori das Bewusstsein hatten, Teil dieses Ganzen zu sein. Jetzt gibt es Bewegung, Entwicklung, Unterhaltung — Gott lächelt, während er zuschaut, wie sich die Tröpfchen des Meeres langsam bewusst werden, das Meer zu sein.

Diese Version einer möglichen Schöpfungsgeschichte ist das, was wir Menschen in unserer individuellen Entwicklung wiederholen: Wir werden als Spiegelbilder Gottes geboren, fallen aus dem paradiesischen Zustand der Einheit in den scheinbaren Dualismus dieser physischen Existenz. Jetzt entwickeln wir das begrenzte Ich, die Persönlichkeit, von der Christian Salvesen in seinem Aufsatz über das Thema dieses Heftes schreibt. Es ist “das erste Wunden” zu nennen, weil hier unbelebte Materie zum Schöpfer wird, zum Gott einer eigenen kleinen Welt; denn das Spiegelbild Gottes ist holografischer Natur — selbst der kleinste Teil enthält das ganze Bild.
So lange uns das aber nicht bewusst ist und wir uns als getrennt von unseren Mit-Spiegeln oder vom großen Ganzen erleben, so lange haben wir Grenzen, Begrenzungen, und das erzeugt Schmerz. Wohlgemerkt, die Grenzen existieren nur in unserem Denken — würden wir mit den Augen des Ganzen sehen, wäre uns klar, dass alles Gott ist und daher niemand leiden kann, und sollte er gar getötet werden. Denn der Mörder, das Opfer, der Dolch, alles war und ist eins, von Anbeginn.
Alle Weisheitslehren dieser Welt betonen, dass das “zweite Wunder” geschieht, wenn wir uns der Einheit bewusst werden. Einziges Hindernis auf diesem Weg ist das Ego, das Gefühl der eigenen Identität, das getrennt ist vom göttlichen Bewusstsein, das wir eigentlich längst haben und hatten, das wir aber erst bewusst genießen können, wenn wir es uns erneut erarbeitet haben.
Ich kenne viele Wege und Methoden für diesen Prozess, aber der Einzige, den ich gleichsam im Vorübergehen, in buchstäblich jeder Lebenssituation anwenden kann und der mir pausenlos vom Ganzen angeboten wird, ist “The Work” von Byron Katie. Jeder Schmerz wird nach einiger Zeit erkannt als Hinweis des Göttlichen, sich mit dem Göttlichen zu vereinen, und der Weg dazu wird stets in Form der Umkehrungen mitgeliefert. Da kommt Freude auf.
Und “The Work” ist vielleicht die einzige Methode, die das Ego keinesfalls verteufelt oder abschaffen will, sondern die es als liebenswerten Teil des Göttlichen integriert: eine nette Illusion, geschaffen zu unserer Unterhaltung. Und da sind wir wieder beim Beginn dieses wunderbaren Schauspiels der ewigen Schöpfung.
Wie man diesen einfachen Prozess von “The Work” in sich selbst vollziehen kann, zeige ich am Beispiel unseres Bedürfnisses nach Anerkennung und Liebe, das, wenn es richtig untersucht wird, sich geradezu als Schlüssel zu jenem paradiesischen Urzustand entpuppen könnte.

Wir wollen Liebe

Einer unserer schmerzhaftesten Glaubenssätze ist jener, der uns sagt, dass wir mehr Anerkennung bekommen sollten, mehr Respekt, mehr Wertschätzung, mehr Liebe, oder wie auch immer man die Formen der Zuwendung nennen mag, derer wir alle so sehr zu bedürfen scheinen.
Können wir je genug davon haben? Wird dieses Bedürfnis je wirklich gestillt? Wenn wir es bekommen, was haben wir dann? Was ist, wenn manche Menschen es uns nicht geben wollen? Ist es nicht grotesk, dass jeder von uns das will und kaum jemand bereit ist, es zu geben?
Und natürlich wissen wir bewusst oder unbewusst, dass jene, die uns ihre Liebe entgegenbringen oder uns ihre Wertschätzung zeigen, dies von einer Gegenleistung abhängig machen, sei es, dass diese in der Vergangenheit erbracht wurde, sei es, dass sie in der Zukunft erwartet wird. Ist es das, was wir wirklich wollen? Diesen Handel? Oder wollen wir wirklich bedingungslos geliebt werden, respektiert werden, wie wir sind?
Jene Meister, die es geschafft haben, zu vermitteln, dass sie wirklich bedingungslos lieben, haben den größten Zulauf — ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, das Osho mir vermittelte, als ich beim Darshan (dem Zusammensein mit dem Meister) von weit hinten durch die Sitzenden nach vorne stolperte und er mir mit den Augen folgte, mit einem strahlenden Blick voller Freude, wie ein Kind, das etwas unglaublich Faszinierendes und Wertvolles beobachtet. Als ich dann dicht vor ihm saß und er mich mit seinen dunklen, braunen Augen anschaute und ich spürte, dass dieser Mann mit seinem ganzen Sein bei mir und in diesem Moment nur bei mir war, da schmolz ich dahin und verliebte mich unsterblich.
Aber dieser Augenblick des Glücks konnte nicht lange anhalten, er war nur ein Trostpflaster, ein Schlummerliedchen für einige Zeit. Mit viel Glück haben wir vielleicht eine Beziehung, in der diese Liebe (manchmal) herrscht, oder wir haben oder hatten Eltern, die uns bedingungslos lieben, oder vielleicht Kinder; die uns (gelegentlich) lieben. Wie oft allerdings denken oder gar sagen wir: “Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann müsstest du …”
Was tun wir in dieser Situation des Mangels, des Wollens, der Unzufriedenheit? Legen wir uns einen Hund zu? Umgeben wir uns mit Materie? Versuchen wir die Leere durch Essen, Rauchen, Trinken, Sex oder Drogen zu füllen? Und funktionieren alle diese Methoden?
Nach meiner Erfahrung nicht. Wir werden mit dem Bedürfnis nach Liebe, Zärtlichkeit und Anerkennung geboren und wir sterben damit, ohne dass diese große schmerzhafte Leere je gefüllt werden könnte.
Für manchen ist die Religion ein Trost, sein Glaube, die Vorstellung, dass es wenigstens einen Gott gibt, einen Christus, der bedingungslos liebt, jemanden, zu dem wir Zuflucht nehmen können, ganz gleich, was geschieht. Wer weiß, vielleicht ist diese Mythologie zu einem großen Teil ganz einfach aus dem Bedürfnis entstanden, geliebt zu werden.
Ich weiß nicht, inwieweit ein starker Glaube und die Liebe zu Gott die Leere füllen kann, denn mir liegt es nicht, an etwas glauben zu können. Bei mir lauert hinter dem Glauben stets der Zweifel.

Man sollte mich respektieren

Aber ich habe ja eine viel bessere Methode: Ich stelle vier Fragen und finde eine Umkehrung meiner Wirklichkeit: Die Menschen sollten mich respektieren. Tun sie es? Nein, die Realität sieht anders aus. Und kann ich wirklich wissen, dass es besser für mich wäre, wenn man mich respektieren würde? Nein, das kann ich nicht wissen. Was habe ich davon, wenn ich denke, ich sollte respektiert werden? Wie fühle ich mich? Nun — ich lebe in ständigem Stress. Ich muss mich anstrengen, ich muss mich verbiegen, ich darf niemanden verärgern, ich muss es allen recht machen, ich muss aufpassen, ob da jemand ist, der mich nicht respektiert. Ich kämpfe innerlich und vielleicht sogar äußerlich mit jenen, die mich nicht mögen, nicht anerkennen, die mir ans Bein pinkeln. Ich schaue ständig nach außen, was machen die anderen, was denken sie jetzt gerade über mich, ja, was könnten sie denken. Und wo bin ich in dieser Zeit? Nicht bei mir selbst. Ich habe mich selbst zur Marionette, zum Roboter gemacht.
Wer wäre ich, wenn ich nicht denken würde, die anderen sollten mich respektieren? Ich wäre frei zu tun, was auch immer ich tun möchte. Ich muss nicht auf die anderen schielen. Ich bin total bei mir, ich genieße mein Leben, alles was sich mir bietet. Ich lebe so, wie ich es für richtig halte. Das fühlt sich doch wesentlich besser an!
Und die Umkehrungen? Ich sollte mich respektieren! Ja, das wäre Respekt, Liebe zu mir, und nicht den anderen Vorschriften machen, dass sie mich gefälligst zu respektieren haben. Da sind wir auch gleich bei der zweiten Umkehrung: Ich sollte die anderen respektieren! Das wäre ein Anfang, einer muss ihn ja machen. Und es ist meine Erfahrung, dass man mich umso mehr respektiert, je mehr ich die anderen respektiere. Alles andere ist Krieg.
Ist es nicht grotesk, wie oft wir von anderen erwarten, was wir selbst nicht zu geben bereit sind? Und wir merken gar nicht, dass wir selbst es nicht tun, ja dass wir die anderen durch unser Verhalten geradezu lehren, wie man es nicht machen sollte. Es ist respektlos, von anderen Respekt zu verlangen, während sie gerade mit etwas anderem beschäftigt sind, nämlich selber nach Respekt, Liebe, Anerkennung zu suchen. Was für ein lustiges Spiel.
Das Wunderbare ist: Ich kann jederzeit wieder anfangen, den Teufelskreis zu durchbrechen. Sowie ich bemerke, dass mich jemand nicht anerkennt, tut das weh und ich weiß, ich kann die Untersuchung machen. Nachdem ich sie gemacht habe, fühle ich mich besser, denn ich weiß ja nun, dass nur ich selbst mich wirklich lieben kann, ohne Hintergedanken, ohne eine Gegenleistung, einfach so, bedingungslos, hemmungslos. Ich weiß, dass jeder Schmerz nur dazu da ist, mich zu mir selbst zu führen. Und ein weiteres Medikament wird gleich kostenlos mitgeliefert: Ich kann ja die anderen lieben und respektieren, ja, ich werde jetzt damit anfangen, denn ich möchte Frieden und Liebe in meinem Leben und keinen Krieg. Und da ich das vielleicht wieder vergessen werde, bin ich dankbar, wenn mich jemand durch seine Missachtung an meinen Weg erinnert. Ja, ich freue mich geradezu darauf, denn je öfter und schneller und heftiger ich erinnert werde, umso besser komme ich auf meinem Weg voran. Wenn ich so darüber nachdenke — könnte es nicht sein, dass die Missachtung der anderen eigentlich Liebe ist? Ihr Verhalten führt mich zu mir selbst, zu Selbsterkenntnis, zu Selbstliebe und dazu, die anderen ebenfalls zu lieben. Was sind wir doch für wunderbare Wesen!
Byron Katie, die »Erfinderin« der soeben demonstrierten Methode, ist eine einfache Frau aus Barstow/Kalifornien, die keinerlei spirituellen Hintergrund hat. Nach ihrem spontanen Erwachen strömten viele Sucher zu ihr und grüßten sie mit dem indischen Gruß Namasté. Als Amerikanerin verstand sie jedoch ,,NO mistake« (kein Fehler) und wunderte sich, dass so viele scheinbar längst wussten, was sie selbst gerade erst herausgefunden hatte.
In diesem Sinne grüße ich euch mit »No mistake« — die Welt ist ohne Fehler.

Aus "Connection 5/2000 Moritz Boerner

1. Bericht in der Connection Teil 1 (Byron Katie - Du bist Ich und Ich bin Du

1. Bericht in der Connection Teil 2 (Meister Kopp - Auch das bin ich! THE WORK oder wie erkenne ich mich selbst?)

3. Bericht in der Connection (Spiegelbilder Gottes auf der Suche nach Liebe und Anerkennung